02. Mai 2006
Rostock feierte 1.Mai farbenfroh
Friedlich und bunt zogen Tausende durch ihre Stadt und setzten Zeichen
für Toleranz und gegen Fremdenfeindlichkeit.
Rostock (OZ) So bunt wie er sein sollte, war der farbenfrohe
Umzug des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) zuerst gar nicht. Am Rostocker
Holbeinplatz überwog bei den 2000 Demonstranten aus der linksautonomen
Szene, die sich dort zu ihrer Gegendemonstration trafen, die Farbe Schwarz.
Teilweise Begrüßungsszenen nach dem Motto: Demonstrieren verbindet.
„Du, weißt Du noch in Gorleben“, oder „warst Du in Göttingen
dabei“, ist an vielen Ecken zu hören. Angsteinflößende
Gestalten waren auch dabei. Vermummt, Springerstiefel. Einigen Rostockern, die
zu Fuß die Hamburger Straße entlang kamen, um zum Start des Mai-Umzuges
am Werftdreieck zu gelangen, machten einen großen Bogen um den Tross.
Ganz anders Ingo Schlüter vom DGB. Er mischte sich unter die antifaschistischen
Gruppen aus Kreuzberg, St. Pauli und Hannover, sprach zu ihnen. „Lasst
uns gemeinsam gehen. Schließt euch unserem Umzug an“, rief der Chef-Organisator
der Gemeinschaftsaktion „Rostock bleibt bunt“ den Demonstranten
zu, die teilweise mit Bussen aus dem gesamten Bundesgebiet angereist waren.
Applaus. Zustimmendes Nicken. Selbst die Einsatzleiter der Polizei horchten
auf. Damit hatte keiner gerechnet. „Das könnte Schärfe aus der
Sache nehmen“, flüsterte ein Beamter erleichtert.
Die Kundgebung löste sich auf. Ein Teil verteilte sich auf das Stadtgebiet,
der größere pilgerte zum Werftdreieck, wo von drei Wagen Techno-Musik
dröhnte. „Wir sind aus Neugier gekommen und wollen einfach feiern“,
sagten die Studenten Melanie Spandau und Stephan Auner. Das konnten sie ab kurz
nach zehn. Da setzte sich der große Tross in Bewegung. Über 3000
Menschen. Jetzt richtig bunt. Mütter mit Kinderwagen, Senioren, einige
mit roten Nelken im Knopfloch, viele Jugendliche. Jedes Jahr dabei ist die Rostockerin
Ulla Zöllick. „Ich möchte, dass es meinen Kindern bald besser
geht“, sagt die besorgte Mutter. Einer ihrer Söhne ist arbeitslos,
der andere hält sich als Einzelunternehmer gerade so über Wasser.
„Es macht mir Mut und Hoffnung, dass so viele Leute hier unterwegs sind.“
Friedlich bewegte sich der Demonstrationsszug Richtung Zentrum. Viele Schaulustige säumten die Straßen. Am Mittag traf er auf dem Neuen Markt ein, wo sofort das bunte Programm unterbrochen wurde. „In Rostock ist kein Platz für Neonazis. Auch nicht im Landtag“, rief Ministerpräsident Dr. Harald Ringstorff (SPD) von der Bühne. Er warnte davor, die NPD zu unterschätzen. „Der Feind hat sich gewandelt. Der Wolf kommt jetzt im Schafspelz daher“, spielte der Regierungschef auf das gemäßigte Auftreten der NPD an.
In der Nähe des Rathauses verfolgte Ingrid Model aus Rostock, wie der Demonstrationszug den Neuen Markt füllte. Sie hielt Distanz zum Geschehen, weil sie Angst vor Krawallen hatte. „Ich bin hier, weil ich zeigen will, dass die Einwohner für ihre Stadt einstehen und sich nicht an den Spielchen Rechts gegen Links oder gegen die Polizei beteiligen.“
Ein buntes Programm sorgte bis in den späten Abend für Unterhaltung.
Höhepunkt war die Laser-Show von Loveparade-Erfinder Dr. Motte.
ANDREAS EBEL und INES SCHÖBEL
